Sonntag, 28. Februar 2010

Publikationsunwesen: Qualität statt Quantität?

Kürzlich lese ich in einem wissenschaftlichen Paper in der Einleitung folgenden Satz:
"We introduced XY in our previous work. We now present the approach in more detail together with its potential applications, describe an implemented full instance of it, and assess its usefulness and performance through a case study."
Dazu zwei Referenzen auf eigene Arbeiten. Hört sich für den Laien vielleicht eindrucksvoll an, was bedeutet das aber in der Praxis? Um das (leicht polemisch) in ein allgemein verständlicheres Deutsch zu übersetzen:
"Das ist das dritte Mal, dass wir dasselbe Zeug publizieren. Im Gegensatz zu den ersten beiden Malen hat diesmal wenistens ein Student die Idee mithilfe eines Prototypen ausprobiert und zumindest oberflächlich überprüft. (Die Male davor hat sich irgendein Kollege etwas aus den Fingern gesaugt und auf zwei Artikel ausgewalzt)."
Mein Problem ist nicht in erster Linie, dass unausgegorene Ideen kommuniziert werden; letztlich mache ich auf diesem Blog nichts anderes. Diskussion unausgereifter Ideen ist auch ein wirklich wichtiger Aspekt wissenschaftlicher Arbeit. Allerdings ist die Frage welches Brimborium darum gemacht wird. Neue Ideen, kaum klar formuliert werden in bombastische Sätze und "wissenschaftliche" Strukturen gepackt um damit in den traditionellen Strukturen publizierbar zu werden. Eine wissenschaftliche Arbeit sollte eine wissenschaftliche Arbeit sein und gewissen Standards unterliegen. Dennoch sind 90% der Arbeiten die ich sehe auf dieser Ebene gelinde gesagt entbehrlich.

Man könnte ja einwenden, dass wir mit modernen Suchmaschinen und Datenbanken die Informationsflut ohnedies unter Kontrolle hat und ein paar Nullaussagen mehr oder weniger kaum ins Gewicht fallen. Dem würde ich zustimmen, allerdings hat die jetztige Praxis einige Probleme:

Es wird "Wertigkeit" vorgegaukelt wo diese nicht gegeben ist. Artikel beispielsweise in diesem Blog werden als Meinungsäußerung, Spiel mit Ideen gewertet, nicht als wissenschaftlich fundierte Aussagen. Das Fabulieren eines Papers aus fragwürdigen Ergebnissen (oder wenig bis keinen Ergebnissen) ist auch harte Arbeit. Diese Arbeit ist gleichzeitig massive Zeitverschwendung, denn die Kollegen wissen ohnedies dass die Arbeit irrelevant ist. Und was noch schlimmer ist: im traditionellen Publikationsprozess liegt der Fokus nicht einmal auf Diskussion der eigenen Ideen. Doppelte Zeitverschwendung also. Trotzdem, obwohl das alle wissen, werden lange Publikationslisten als Bewertungskriterium  für die Leisung von Wissenschaftern herangezogen.

Mit anderen Worten: das Publikationsspiel dient heute im wesentlichen dazu, Arbeitsprotokolle mit hohem Aufwand von Kollegen absegnen zu lassen, damit diese als Beleg der eigenen Arbeit dienen.

Und "hoher Aufwand" ist wörtlich zu nehmen. Es wird ja nicht nur überflüssig Papier produziert, sondern  in der Regel ist diese "Publikationstätigkeit" auch mit überflüssigen Konferenzreisen verbunden. Es werden also nicht nur Scheinergebnisse publiziert sondern diese auch noch vor gelangweiltem Publikum mit großem Aufwand und Ressourcenverschwendung (Flugreisen, Kosten) auf todlangweiligen und irrelevanten Konferenzen vorgetragen (immerhin profitiert die Tourismusindustrie). Irrelevant deshalb, weil die Konferenz als Kommunikationsmedium im Zeitalter des Internets ihre traditionelle Bedeutung einfach verloren hat. Halbgebackene Ideen lassen sich in Foren und Blogs viel besser kommunizieren. Wissenschaftliche Konferenzen mit ihren Sessions und von Powerpoint abgelesenen Folien dienen kaum irgendeiner relevanten Diskussion und Weiterentwicklung von Ideen.

Das soll nicht bedeuten, dass Konferenzen grundsätzlich nutzlos sind. Relevant sind Diskussionen am Rande der Veranstaltung, und in Folge guter Keynotes von tatsächlich hochrangigen Experten. Ich denke, man sollte Blogs, wissenschaftliche Diskussionsforen etc. verwenden um 90% der textuellen Ergüsse aufzufangen. Als Wissenschafter sollte man dann seine Zeit nicht mehr auf 5 oder mehr Konferenzen jedes Jahr verschwenden (es gibt sogar Universitäten die de facto eine bestimmte Zahl von Konferenzbesuchen pro Jahr vorschreiben!), sondern ein oder zwei ausgewählte Konferenzen besuchen. Diese sollten dann auch in einer Form organisiert sein, dass keinesfalls das Vorlesen eigener Präsentationen in Sessions, sondern tatsächlich die Diskussion relevanter Themen (z.B. nach dem Open Space Prinzip) im Vordergrund steht.

Immerhin wird das Problem langsam auch von Förderstellen und wissenschaftlichen Organisationen erkannt. Die deutsche Forschungsgemeinschaft hat angekündigt künftig nur mehr eine handvoll ausgewählter Artikel pro Forscher anzuerkennen. Damit ist es irrelevant ob ein Wissenschafter 5 oder 500 Publikationen hat, denn es dürfen dann eben nur mehr 3-5 bei einem Antrag angegeben werden.

Kommentare:

Cangrande hat gesagt…

Ich fürchte, Sie unterschätzen die außerordentliche Bedeutung von Kongressen für die Fortentwicklung von Wissenschaft.

Selbst in Randgebieten des menschlichen Denkens leisten sie Pionierarbeit (z. B. der Kongress http://beltwild.blogspot.com/2007/10/kontrapunkt-wahrhafftiger-bericht-ber.html ).

Alexander Schatten hat gesagt…

Ich weiß nicht, ob Sie im wissenschaftlichen Umfeld tätig sind.

Ich spreche mich auch nicht grundsätzlich gegen Kongresse aus, das hatte ich versucht darzustellen. Es hat aber eine Inflation stattgefunden die keinerlei Sinn mehr macht. Noch dazu sind die meisten Konferenzen von fragwürdiger Qualität und in Wahrheit Schein-Veranstaltungen.

Ernsthaft kommuniziert wird dort nicht mehr. Sie haben die äußere Form; sind aber tatsächlich eine Perversion der ursprünglichen Idee.

Auch ich bin fallweise auf Konferenzen die ich für wichtig halte, aber das ist eben die Ausnahme.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)